Interkultur





"ALL MANKIND IS US."   Beckett, Waiting for Godot  


 

Intercultural Theater Labor



Getrennte Kulturen existieren heute so wie gut nicht mehr.
Was wir heute sehen/leben, ist ein cross-over von kulturellen Themen, Formen, Techniken und Identitäten, traditionellen und modernen, in allen Bereichen. Alte Definitionen von `traditionell´ und `modern´ scheinen nicht mehr nützlich. Als Künstler sind wir Navigatoren durch eine Vielfalt von Kulturen, von Konzepten, Techniken und performativen Gestaltungen. Diese transkulturellen Prozesse zwingen uns zu de-kontextualisieren: wir Künstler lernen von einem zum anderen Kontext zu reisen: von traditionell zu modern und zurück, von der Vergangenheit in die Zukunft und aus der Zukunft zurück in die Vergangenheit, von einer Kultur zur anderen, von Bewegung zur Emotion und umgekehrt, von der Malerei zum Tanz, von Bildern zu Musik, vom Körper in den Geist in den Körper. Und dabei nehmen wir eine spezifische Energie wahr, die aufwacht, wenn wir uns der DIFFERENZ bewusst werden; wenn wir uns dessen bewusst werden, was nicht identisch ist zwischen verschiedenen Kunstformen und Kulturen.

 

Das Leben nähren

 „Die eigenen anthropologischen Grundentscheidungen in Frage stellen, indem man sich auf die kulturellen Entscheidungen anderer Zivilisationen stützt. (...) Es geht nicht darum, eine Kompetenz zu behaupten, die mehr und mehr Diversität glaubt in sich aufnehmen zu können, sondern sich an die Überprüfung einer noch nie dagewesenen grundlegenden Störung zu machen, zu der in unseren Tagen sich allein die Kunst als fähig erwiesen hat, indem sie dieses ganze Spiel von Optionen und Artikulierungen vor Augen führt. (...) Sie zeigt heute, wie man sich in der Diversität von Kulturen bewegen muss, um sich neu zu erfinden, indem man mit seinen Atavismen bricht.“
(François Jullien, Das Leben nähren)

 

Train your Intercultural Reading ...

Intercultural Reading zu praktizieren heißt, in die Wahrnehmung zu gehen : offen zu werden für ein Rissig-Werden der je eigenen Weisen des Wahrnehmens, Begreifens und Handelns. Das/der Fremde ist in mir selbst. "Reading" wird hier in einer umfassenden Weise verstanden : jede Geste,  jeder Gedanke, jede Bewegung, jede Emotion, jede Begegnung und jedes Bild, jedes Zeichen, jeder Ort und jede Zeit ist schon ein Lesen, das wir tun, oder latent tun, bewußt-unbewußt, egal ob wir Sprache verstehen oder nicht verstehen. Intercultural Reading dechiffriert die alltäglichen „Lesweisen“. Intercultural Reading  wird auch das continuous masking, das wir ständig vornehmen, zu demaskieren suchen : wir denken in Masken, wir sehen in/mit Masken, wir bewegen uns in Masken. Wir lesen ständig, wir über-lesen, wir lesen daran vorbei, wir lesen statt wahrzunehmen. Lesen als Verweigerung von Erfahrung, Lesen als Widerstand gegen Wahrnehmung, Lesen als Schutz vor Schwellen- und Anderserfahrungen. Intercultural Reading  bringt es in den Raum der Wahrnehmung, bringt etwas aus dem Tritt, sucht den  eigenen Referenzen auf die Spur zu kommen, zu entkommen, setzt Ungedachtes/ Unerwartetes/ Abseitiges in Szene, hinterfragt die Art und Weise wie Mann/Frau sich mit dem/der Anderen in Beziehung setzen, sucht die EIGEN-ARTEN in und mit der Vielfalt.
INTER KULTUR : das ist das riskante Vertrauen darin, dass es zwischen mir und dir mehr gibt als „Ich“ und „Du“. Theater ist diesem DAZWISCHEN von Anbeginn auf der Spur. 

"An die Stelle eines monochromen Selbst tritt ein vielfarbiges Selbst, ein colored Self.”
Byung-Chul Han: Hyperkulturalität