Antigone_Fragmente

 

 

Antigone_Fragmente
„durstiger Staub“

Fragmente nach Sophokles

Schauspiel in Deutsch, Koreanisch und Portugiesisch
in der Übersetzung von W. Schadewaldt und F. Hölderlin

1.  Premiere:  11. Juni 2004  Modernes Bad, Berlin Neukölln
2.  Premiere:  01. Dezember 2004 WERKSTATT DER KULTUREN Berlin

 

Regie, Dramaturgie und Bühne Dietmar Lenz
Kostüme Yoshio Yabara
Licht Dietmar Lenz, Angelo Teixeira
   
Schauspielerinnen    Soogi Kang
Zula Lemes
Sprecherin Caroline Sanchez
Life Musik Eric Gradman
   
Fotos Daniela Incoronato 1.2.3.4.9.10
Klaus Rabien 5.6.7.8

 

„Geschleudert in wilde Wege" ...
Sophokles ANTIGONE
 
“Antigone:  Elle existe dans le contre.”   

Louis Jouvet
 

Drei Schauspielerinnen aus Deutschland, Korea, Brasilien treten in diesem Schauspielprojekt in eine Art Labor ein, in dem sie auf die Matrix zwischenmenschlicher Beziehungen treffen, wie sie in dem dramatischen Urgestein ANTIGONE gezeichnet sind. Sie erforschen die Beziehungen zwischen Mann und Frau, Schwester und Schwester/Bruder, Macht und Ohnmacht, Geliebte und Geliebter, Staatsraison und Individuum, zwischen heilig und profan, indem sie Fragmente aus dem ANTIGONE Text in Variationen und ständigem Rollentausch zu decodieren und diese in autobiografischen Erfahrungen zu spiegeln suchen: eine Art theatralischer Ritus, eine Versuchsanordnung,
a multilingual urban Ritual.
 Gesprochene Sprachen sind Deutsch, Koreanisch und Portugiesisch.

„Sich verwandeln in unbedrohbaren Staub.“ 

Heiner Müller

„Das Wort – wie eine Verwundung der Stille.“ 

Edmond Jabés

 

Der Körper der Stimme
Ein Schwerpunkt dieses Projektes liegt auf dem Körper der Stimme, auf der Präsenz der Stimme, ihrem Frei-Werden, auf ihrer Theatralität. Welche Stimmen lassen sich zum Hören bringen zwischen/unter/über den Schichtungen dieses kanonischen Text-Gefüges der Antigone? Welche Stimmen werden die Schauspielerinnen eröffnen, er-gründen, deren Zungen zwischen Mutter- und Fremdsprache hin- und her-fliegen -: in ihrem Alltag, in ihrer Kunst, in der Erziehung ihrer Kinder?

"... von der Muttersprache fort zu wandern bedeutet, den Geist zu entfremden von jeder Idee einer Allmacht des Wortes, von jeglicher Illusion, dass das Wort vollkommen erkennen und enthüllen kann, von jeder babylonischen Anmaßung ..."
Massimo Caccia: Die Weiße und die Schwärze, in MIGRANTEN

„Die Life-Musik bietet eine gleichzeitig strenge wie auch emotionale Palette von gestischen Klängen, dabei Violine, Rahmentrommel, Hölzer, Steine, Metalplatten und Kugeln verwendend. My responsibility: not to resort to clever imitation of classical forms or take on a postmodern ironic posture.”
E. Gradman

Das Projekt ANTIGONE _ Fragmente lässt uns nach anderen Riten des respektvollen Umgangs mit dem Verstorbenen fragen, nach Gesten einer Spiritualität, die auf ein Ineinander von Leben und Tod, von Sein und Nicht-Sein, auf eine vitale Kultur der Beziehung zum Tod hinweisen.

Können wir inter-cultural-urban-performers über das dem Theater wesentliche Grundprinzip der Verwandlung unsere je eigenen Zugänge entdecken zu jenen archaisch-rituellen Gesten, die Sophokles anspricht?

„Es ist der Tod, der alles mit Leben füllt.“
Eine koreanisch-schamanistische Weisheit 


 

Ein leeres und unwirksames Ritual 

"Konfrontiert mit dem Bürgerkrieg, in dem ihre Brüder sich gegenseitig ermordet haben, bezieht Antigone einen Standpunkt. Sie verteidigt nicht ihren Onkel Kreon und das Gesetz des Staates, das er repräsentiert. Sie macht sich auch nicht in die Berge auf, um sich der Armee ihres Bruders im Krieg gegen den Staat anzuschließen. Sie kennt die Rolle, die sie gewählt hat. Und sie handelt in einer Weise, die dieser Rolle gegenüber loyal ist. Sie verlässt die Stadt zur Nacht und geht auf das Schlachtfeld, nimmt eine Handvoll Staub und verstreut sie über den Körper ihres Bruders, dem Kreon das Begräbnis verweigert hat. Ein symbolisches Ritual, leer und unwirksam gegen das Grauen. Aber sie führt es aufgrund einer persönlichen Notwendigkeit aus. Und bezahlt mit ihrem Leben.
Dies ist das Theater: ein leeres und unwirksames Ritual, das wir mit unserem »Warum« füllen, mit unserer persönlichen Notwendigkeit (...)."
Eugenio Barba
 
Mit freundlicher Unterstützung: Berliner Senat für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin 2004,  
WERKSTATT DER KULTUREN Berlin