OZ

 

DER TAGESSPIEGEL
Nr. 14976 / Mittwoch, 20. Juli 1994

Phantasie macht frei
Marco Balianis “OZ” im
Freien Schauspiel aufgeführt.
Hartmut Krug

Vier junge Menschen, hereingestoßen in eine Zelle: über Lautsprecher werden sie von zwei Ärzten als hoffnungslose Fälle einzeln vorgestellt. Der italienische Autor und Regisseur Marcio Baliani vom römischen Ruotalibera Teatro gibt als Hintergrund für sein Stück “OZ” eine gesellschaftliche Situation vor, in der jede soziale Lebensform von ständigem Kriegszustand geprägt ist. Menschen werden als nützliche oder unbrauchbare Individuen beurteilt, die letzteren - also Behinderte, Versager, Wider-ständler oder Kranke - werden in Gehirnwäsche-laboren für eine “Rückerziehung” behandelt.
  Da ist Marion, die bei einem Bombenangriff wahnsinnig geworden ist. Imke Dierks spielt die Frau im Rollstuhl als halbgelähmte, immer wieder spastisch zuckende Idiotin, die sich mühsam in bewußte und aktive Momente hineinzukämpfen sucht. Die Schauspielerin macht aus der vom äußerlichen Klischee gefährdeten Rolle eine menschlich bewegende Figur. John Gordon, fast kahlgeschorener Farbiger in Trainingskleidung, körperlich eingefallen, spielt den “Löwen”, den einst mutigen Frontkämpfer. Der verlor bei einem Sturmangriff all seine Courage und kauert jetzt nur noch ängstlich in der Ecke. Der schmale, mit weit aufgerissenen Augen innerlich vibrierende Robert Mika ist der Holzfäller Nick, ein Rebell und Pazifist, der Flugblätter verteilte. Hauptperson aber ist das Mädchen Dorothy, das die Gesetzmäßigkeiten der Realität wie selbstverständlich nicht respektiert und sogar Bücher liest. Kirsten Hartung wirft sich mit mimisch-gestischer Kraft in ihre vor allem aus der Erzählung erwachsende Phantasiewelt.
  Das etwas überkonstruiert wirkende Stück lebt aus dem Spiel der vier vorzüglichen Darsteller. Teils widerstrebend und angetrieben von Dorothy, phantasieren sich die Leidgenossen gemeinsam in die Geschichte vom Zauberer OZ hinein. Damit gehen sie auf eine Phantsiereise zu sich selbst. Jeder will sich, was ihm verlorenging, wieder erstreiten: Mut, Verstand, Herz.
  Der Autor Marco Baliani, der sein Stück als Theaterpraktiker des italienischen Jugendtheaters entwickelte, verknüpft sensibel Motive des Märchens mit der Lebenssituation der vier in der Zelle. So entstehen immer wieder Momente von poetischer Dichte. Zum Schluss, wenn die vier beim Zauberer von OZ “angelangt” sind und diesen als den bösen Arzt erkennen, haben sie sich längst durch ihre verbotene Phantasieleistung befreit. Ob nur für einen Augenblick, ob für länger, weil ihre Zerstörung von Überwachungskameras und Lautsprecher zu einer allgemeinen Revolte führt - das lässt der Regisseur Dietmar Lenz (anders als der Autor) offen.
  Im winzigen FREIEN SCHAUSPIEL in Kreuzberg ist eine siebzigminütige, schauspielerisch konzentrierte, insgesamt äußerst beachtliche Aufführung zu bewundern. Eine Aufführung (Bühne: Udo Boettcher), die die Sprechtexte der Schauspieler nicht szenisch verdoppelt, sondern die sie den Zuschauern als Assoziationsangebote vorstellt. Hartmut Krug